Berichte 2021

21.02.2021 Artikel von Carsten Sostmeier

Covid 19  - Das Damoklesschwert der Reitbetriebe

-Wenn man substanziell an seine Grenzen gelangt-

Wie meistern stellvertretend die ungleichen Reitvereine in Mannheim und Schrecksbach den Alltag

Wer hätte je gedacht, dass Pferdenamen wie „Corona“ oder „Lockdown“ einmal als Sinnbild der Existenzbedrohung vieler Reitbetriebe herhalten müssten.

Es geht mittlerweile knallhart um die Zukunft von Betrieben und Reitvereinen. Und es geht vor allem um den uneingeschränkten Erhalt des durch die Pferde uns Menschen ermöglichten Glücksgefühls des Reitens und um das hippologische Miteinander.

Zwei völlig unterschiedlich aufgestellte Reitvereine, in ihrer jeweiligen Konstellation sicher repräsentativ im Kaleidoskop Pferdedeutschlands, stellen sich der Herausforderung mit täglich wachsendem Kostendruck in der Sattellage.

Der Reiter-Verein Mannheim, gegründet 1926, seit 1964 Ausrichter des weltbekannten Maimarkt-Turniers, besitzt eine hoch professionelle Reitanlage in einem Sportgebiet der Neckarmetropole. Zum Areal gehören, neben Koppeln und Paddocks, ein großer Spring- und Dressurplatz im Außenbereich und die Reithallen mit den Reitmaßen 65 x 25 und 40 x 20 Meter. In den dazu gehörigen Stallungen haben permanent etwa 70 Pferde ihre Box bezogen, davon 25 Schulpferde. Zehn Festangestellte kümmern sich um alles, vom Füttern bis zum Reitunterricht. Der ehrenamtliche 1.Vorsitzende Peter Hofmann ist selbst täglich vor Ort.

Er hat ein Hygienekonzept erarbeitet, dass von den Beschäftigten einen deutlich erhöhten, unbezahlten, täglichen Mehraufwand abverlangt.

Auch die Außenplätze des RV Mannheims dürfen nur mäßig genutzt werden

„ Die Belastungsgrenze ist körperlich, nervlich und finanziell längst erreicht“, sagt Hofmann.

Mit permanenten schriftlichen und mündlichen Updates werden Mitarbeiter/innen, die Betreuer der Schulpferde und disziplinierte Einsteller von ihm versorgt, damit ein reibungsloses Miteinander gewährleistet bleiben. Im erneuten Lockdown ist der Betrieb der Reitschule wieder massiv eingebrochen. Das Therapeutische Reiten, mit dem Programm Sprachförderung für 100 Kinder aus zehn Kindergärten Mannheims, ist komplett zum Erliegen gekommen. Natürlich sind wirtschaftliche Belange enorm wichtig, viel mehr jedoch schaut Peter Hofmann auf die immens wichtigen pädagogischen Inhalte, die derzeit erneut weggebrochen sind.

Die Schulpferde gehen nur noch im Einzelunterricht in der Bahn oder werden täglich vom Personal bewegt, um fit zu bleiben. Die finanzielle Unterdeckung der bisherigen Lockdowns konnte durch einige großzügige Spenden weitgehend abgefedert werden. Die Verbindung des Vereins zum Maimarkt-Turnier und der Stellenwert in der Region erweisen sich als hilfreich.

„Du musst vernetzt sein und die Leute müssen Vertrauen haben zu dem, was du machst. Ich bin sehr dankbar für diese auch emotionale Unterstützung. Wenn man nur rummotzt, hat man schon verloren“, so Hofmann, der jetzt auch Schulpferde auf der Anlage in einem Komplett-Leasingpaket anbietet.

25 Schulpferde unterhält der RV Mannheim

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Die 4 Schulpferde des RFV Schrecksbachs finden die Situation zum Ohren anlegen

Ganz anders sieht es im Schwalm-Eder-Kreis aus, im RFV Schrecksbach.

Ein Verein mit eigener 40 x 20 Meter Reithalle, einem Außenplatz und Offenstall für die vier Schulpferde mit angegliederten Koppeln. Vor 40 Jahren gegründet, fallen wegen Covid-19 in diesem Jahr Jubiläumsfeier und das geplante Turnier aus. Die Verantwortlichen hoffen, nächstes Jahr  beides nachholen zu können.

Sowohl Reitanlage, als auch die dort untergebrachten  Schulpferde - mit den liebevollen Namen Conny, Emma, Donald und Fee - werden in erster Linie durch ehrenamtliche Vereinsmitglieder betreut. Der Reitunterricht wurde auch im zweiten Lockdown komplett eingestellt, auch zum Schutz der dort tätigen freiberuflichen Reitlehrerinnen. Die Pferde werden derzeit von freiwilligen Vereinsmitgliedern bewegt und von einer Reitlehrerin zweimal wöchentlich gegen Bezahlung geritten.

In der Reithalle hängt eine Liste, in die Vereinsmitglieder zur Hallennutzung ihre Zeiten, unter Berücksichtigung gültiger Beschränkungen und Abstandsregeln, eintragen können. Aber ein umfassenderes, für den Schulbetrieb oder ein Turnier notwendiges Hygienekonzept fehlt. Auch deshalb, weil es die wenigen,  passionierten Mitglieder durch deren berufliches Engagement nicht lückenlos umsetzen könnten.

Beim ersten Herunterfahren im vergangenen Frühjahr hatten die Eltern für ihre Kinder auch weiterhin gut die Hälfte der Reitstundengebühren bezahlt, obwohl kein Unterricht stattfinden konnte. Dies hat sowohl zum Erhalt des zukünftigen Reitstundenplatzes beigetragen, als auch ein kleines finanzielles Polster zur Versorgung der Pferde geschaffen, welches aber jetzt aufgebraucht ist.

In die Reithalle des RFV Schrecksbachs kommen aktuell keine Reitschüler

Jeder Tag im 2. Lockdown strapaziert nicht nur die Nerven, sondern auch die Vereinskasse.

 

Zu hoffen, dass nichts Unvorhersehbares eintritt, was zu einer Zuspitzung der ohnehin angespannten Situation führen könnte, wie etwa unerwartete Tierarzt- oder steigende Unterhaltskosten. Spenden sind für den Verein bisher nicht geflossen, was helfen würde.

Das Umsetzen eines Gutschein-Systems wird aktuell überlegt.

 

Ungebrochen bleiben am Neckar wie im Nordhessischen die Zuversicht und das Interesse von Eltern und Kindern an den Pferden. Nachfragen für den Reitunterricht lassen bis heute nicht nach. Die Wartelisten werden sogar immer länger.

Bei aller Freude darüber, darf nicht vergessen werden, dass die Sorgen nicht nur dieser beiden Vereine täglich immer größer werden und das Geld immer knapper. Und noch etwas haben die so unterschiedlichen Reitvereine gemein – die Hoffnung, oder besser gesagt Sehnsucht, dass der Corona-Spuk für sie im kommenden Monat, spätestens im April wieder ein Ende findet – wenigstens doch deutlich nachlassen möge.

 

In diesem Sinne – bleiben Sie wohlauf und hoffentlich bis bald bei den Pferden!

02.02.2021 Artikel nach einer Telefonkonferenz von Carsten Sostmeier mit den drei Bundestrainern: Hans Melzer, Monica Theodorescu, Otto Becker

Reitsport-Bundestrainer fokussiert auf Tokio 2021

-Absage wäre ein Rückschlag-

„Wir gehen in unseren Planungen ganz fest davon aus, dass Tokio 2021 stattfinden wird und sind sehr optimistisch gestimmt“, bringt es Hans Melzer, Bundestrainer in der Vielseitigkeit gestern auf den Punkt. Die Dressur-Bundestrainerin Monica Theodorescu und Springsport-Bundestrainer Otto Becker sehen es bei meiner Telefonkonferenz mit ihnen genauso. Sie wissen aber auch, dass sich die Olympischen Spiele dann anders darstellen werden als jemals zuvor. Masken- und eventuell generelle Impfpflicht. Ein eingeschränkter, durchgetakteter und stark kontrollierter Lebensablauf erwartet wohl alle in Japan. Sport vor (teilweise) leeren Rängen und eine Eröffnungs- und Abschlussfeier ohne Athleten.

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Das Ziel bildet den Weg dorthin. Wichtig sind dabei die Durchführung von Reitveranstaltungen in den nächsten Monaten. So hat Becker seinen Aspiranten verschiedene  Pläne aufgezeigt. Im Januar, Februar und März einige, auch teilweise kleinere Turniere in Europa und den USA, gepaart für einige Reiter mit einem zweiwöchigen Abstecher zu 5*-Events nach Doha. Drei Paare können Anfang April das Weltcupfinale in Göteborg bestreiten, bevor der Sichtungsfaktor  immer größeren Stellenwert einnehmen wird. “Die Konstanz ist dabei in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Kondition, Kraft sowie den letzten Feinschliff kann man sich nur auf Turnieren holen. Die wichtigsten Erkenntnisse werden erst bei den 5*-Turnieren gesammelt, besonders bei den Nationenpreisveranstaltungen in St.Gallen, Sopot und Rotterdam. Wenn erforderlich, dann auch noch beim CHIO Aachen“, sagt Otto Becker.

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Otto Becker Bild: toffi-images.de

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Auch Monica Theodorescu möchte drei ihrer Paare beim Weltcupfinale in Göteborg sehen.

Für sie und Becker würde ein dortiger Start nicht die Teilnahme an den Olympischen Spielen ausschließen, da genügend Erholungs- und Planungszeit für die Pferde  bis zum sportlichen Jahreshöhepunkt blieben. Beide hoffen für die Vorbereitung sehr, dass besonders die internationalen Top-Turniere der grünen Saison in Deutschland stattfinden werden. Der Dank wäre Veranstaltern, wie zum Beispiel Hagen a.TW., Mannheim, München, Wiesbaden, Balve oder Aachen von vielen Seiten gewiss. Für die Bundestrainerin sind diese Turniere auch deshalb so wichtig, weil einige der potentiellen Olympia-Dressurpferde noch bis Juni ein aktuelles, internationales Olympia-Qualifikationsergebnis brauchen und zudem einer mehrfachen Belastung standhalten sollen. Ein „olympischer Kaltstart“ wäre zudem unmöglich, da einige Toppferde im vergangenen Jahr überhaupt nicht im Wettkampfviereck unterwegs waren.

Monica Theodorescu Bild: toffi-images.de

Hans Melzer hingegen profitiert vom „tollen Schlussspurt 2020“ und den dabei zusätzlich gewonnenen Erfahrungen. Seine Kadermitglieder treffen sich regelmäßig im Januar/Februar in Warendorf zum Dressur- und Springtraining. Ab März wird sich dort auf das Geländetraining konzentriert. Richtung hippologischem Olympia-Triathlon  werden die Reiter/innen ab Ende März gezielt in kurzen 3*- und  4*-Prüfungen starten. Die Sichtungshöhepunkte sind die jeweils 4*-Wettbewerbe im Juni in Luhmühlen und Anfang Juli in Aachen, wobei mögliche Olympiapferde  nur bei einer dieser beiden Veranstaltungen starten sollen.

Hans Melzer Bild: toffi-images.de

Sowohl Hans Melzer, als auch Otto Becker und Monica Theodorescu gehen trotz manchem „Corona-Handicap“ nicht davon aus, dass die Qualität des Sports bei den Olympischen Spielen darunter leiden wird. Auch freuen sie sich gleichermaßen sehr auf die, nur wenige Wochen nach Tokio, stattfindenden Europameisterschaften in ihren Disziplinen. Diese sehen die Bundestrainer/in als zusätzlichen Jahresantrieb, sportlich und motivierend mit Tokio fast auf Augenhöhe, zumal im Springen und in der Dressur in Deutschland ausgetragen. Während in der Vielseitigkeit dann keines der Olympiapferde zur Schonung am Start wäre, jedoch das olympische Eratzpaar als gesetzt gilt, halten sich Becker und Theodorescu die Entscheidung über dann mögliche Equipen völlig offen.

Für Otto Becker bleibt jedoch im Hinblick auf Tokio 2021 eine sicher verständliche Sorge, wenn er sagt: „ Eine Absage der Olympischen Spiele wäre ein Rückschlag für uns alle“.

Es bleibt zu hoffen, dass der geplante Weg zum erhofften Ziel führt und am Ende die Gewissheit über die aktuelle Ungewissheit siegen wird. Aber vor allem, dass auch alle gesund bleiben!

Carsten Sostmeier